2006 finden in Berlin mindestens drei größere Veranstaltungen fundamentalistisch-christlicher Gruppen statt:

  • 40 Tage Beten und Fasten für unser Land. Eine Gebetsreihe, deren Ziel die Errettung Deutschlands sein soll. (07.03 – 16.04)
  • Calling All Nations: Global Gathering. Eine Großveranstaltung im Olympiastadion, eine Woche vor Beginn der Fußball WM, die den Kontakt zwischen Berlin und Gott verbessern und so – ernst gemeint – für zahlreiche Bekehrungen bei der WM sorgen soll. (15.07)
  • Gemeinde und Israel – Zumutung oder Auftrag? Eine Konferenz, auf der sich Gruppen aus dem Spektrum der modernen Judenmission besprechen werden. (09.11)

Uns irritiert dies. Wir wissen, dass die Veranstaltungen und die organisierenden Gruppen zu kritisieren sind. Wie wissen nur nicht genau, wieso und wie. Von einem linken Standpunkt aus wollen wir uns deshalb eine Kritik des christlichen Fundamentalismus annähern.
Die bisherigen Erklärungsansätze der Linken befriedigen uns nicht. Fundamentalismus als Wahn, Religion als Opium für das Volk und Gott als (tote) Idee aufzufassen erklärt nicht das Vorhandensein dieser Gruppen. Auch finden wie die Abqualifizierung dieses Spektrums als Verrückte wenig praktikabel. Offenbar existieren jene Gruppen und schaffen es größere Veranstaltungen zu organisieren. Sie schaffen es zudem immer wider, neuen Mitglieder zu gewinne. Diese alle als Durchgeknallt zu begreifen liefert keine politische Aussagen oder Strategie. Wir müssen immerhin ernst nehmen, dass sie glauben, was sie sagen – auch wenn wir es absurd finden. Zudem müssen wie die politische Relevanz ihrer Vorstellungen und Forderungen konstatieren – auch und gerade, wenn sie selber diese „nur“ als Glaubensfragen verstehen wollen.
Sicherlich gibt es andere und wichtigere Themen, für die emanzipatorische Linke. Zurzeit bedrohen christliche Fundamentalistinnen und Fundamentalisten in Deutschland offenbar keine Menschen direkt und bestimmen nirgends den Diskurs. Was uns aber irritiert ist, dass wir dies nur abschätzen können. Es gibt kaum Daten, Recherchen und Ansätze zur Interpretation dieses Phänomens – zumindest in linken Diskurs.
Für ungefähr ein Jahr wollen wir uns damit beschäftigen. Wir stellen uns Fragen zum christlichen Fundamentalismus und werden sie versuchen durch eigene Nachforschungen und offene Veranstaltungen zu klären. In diesem Blog werden wir die Ergebnisse, Fortschritte, Recherchen und neune Fragen veröffentlichen. (Insoweit ist dies auch ein Experiment im halb-transparenten Arbeiten einer politischen Gruppe.)
Ein Ziel unserer Arbeit ist, auch falls wir selber zu keinen abschließenden Ergebnissen kommen werden, eine Debatte für eine moderne Religionskritik anzustoßen. Christlichen Fundamentalismus verstehen wir als eine Reaktion auf die aktuelle Gesellschaft, insoweit muss auch eine Kritik dieser im Kontext der heutigen Gesellschaft gebildet werden und kann nicht einfach – vor allem ungeprüft – philosophische Ansätze des 19. und 20. Jahrhunderts übernehmen.