Archiv der Kategorie 'Deutschland'

Weihnachtliche Unverschämtheit

Wie in den Jahren zuvor ist in den letzten Wochen in Berlin die Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ angelaufen. In den Öffentlichen Nahverkehrsmitteln hängen Werbeträger, in christlichen Gemeinden Plakate, anderswo liegen Flyer aus. Offiziell präsentiert sich das Projekt als nett gemeinte Weihnachtsaktion. Es werden Spenderinnen und Spender gesucht, welche einen Weihnachtskarton für Kinder packen, die ansonsten nichts geschenkt bekommen. Vor allem Arme und Waisen in anderen Ländern. Der Verein „Geschenke der Hoffnung“ sammelt diese Präsente ein und leitet sie zur Verteilung in vorher ausgewählte Länder weiter. Dort übernehmen Partnerorganisationen die Ausgabe. So weit, so nett.
Allerdings ist der Verein „Geschenke der Hoffnung“ nicht einfach ein Sozialverein, sondern ein „christliches Missionswerke“, welches nicht nur mit explizit evangelikalen Missionswerken zusammenarbeitet (Samaritan’s Purse International, Billy Graham Evangelistic Association), sondern selber aktiv dazu beitragen will, den radikal-christlichen Glauben zu verbreiten. Dazu gibt der Verein beispielsweise die Zeitschrift „Entscheidung“ heraus, welcher er selber unter dem Titel „Evangelisation national“ anpreist.
Auch die Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ ist Teil dieser Arbeit. Die Verteilung der Geschenke erfolgt im Verbund mit Vorführungen der Weihnachtsgeschichte und der Verteilung von kindergerechten Missionsheftchen.1 Und dies auch – wie im letzten Jahr – in Staaten, in welchem Weihnachten nur von einem kleinen Teil der Bevölkerung gefeiert wird.2 Letztlich unterstützen die Spenderinnen und Spender also mit ihren nett gemeinten kleinen Aufmerksamkeiten eine christlich-fundamentalistische Organisation.
Das wäre ihre eigene Entscheidung, wenn sie es den wüßten. Allerdings stellt sich „Weihnacht im Schuhkarton“ nicht als eine solche Organisation vor. Zwar verschweigt sie ihre Ziele nicht, wenn man auf ihre Homepage schaut. Doch zumeist wird die Aktion durch Plakate und eine positive Medienberichterstattung vermittelt. Wenn öffentliche Stellen wie Bibliotheken oder quasi-öffentliche wie Busse und Bahnen die Flyer dieser Gruppe verteilen, tragen sie damit dazu bei, mehr Menschen über deren Charakter zu täuschen und als ungefährlich hinzustellen.3 Und im letzten Jahr waren das über 430.000 Schuhkartons.4

  1. Das ist mit dem „normalen“ Gottestdienst zu Weihnachten in deutschen Kirchen nicht wirklich zu vergleichen. Es geht darum, moralischen Druck aufzubauen und die Kinder (oder auch ihrer Eltern) zu radiaklen Christinnen und Christen zu erziehen. Der Grund „Weihnachten“ ist dabei nur ein nebensächlicher. Im offiziellen Video zur Aktion aus dem letzten Jahr zieht man diese Heftchen mehrfach.zurück]
  2. Man muss sich das schon ungefähr so vorstellen, als wenn eine islamistische Gruppe Geschenke sammeln und sie zum Ende des Ramadan in Deutschland an nicht-muslimische Arme und Waisen verteilen würde. Und zwar mit Zwangslesung zum Leben des Propheten und der Verteilung von Missionheftchen. (Auch wenn zur Zeit keine christlich-fundamentalistische Gruppe einen Krieg gegen Israel führt.) [zurück]
  3. Ein Element dieses offiziellen Darstellung ist das Gütesiegel des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen. Dieses bestätigt Organsiationen, dass sie mit Spendengelder veranstwortungsbewußt umgehen und sie nicht zweck-entfremden. Über die Ziele und Arbeit der Organisationen sagt es allerdings nichts weiter aus. Es ist keine Anerkennung des Missionswerkes „Weihnachten im Schuhkarton“ durch irgendeine ofizielle Stelle. [zurück]
  4. Aus mehreren christlichen Gruppen gibt es an „Weihnachten im Schuhkarton“ Kritik. Das ist ein inner-religöses Problem. Aber vielleicht sollte erwähnt werden, dass man Kindern auch Freude bereiten kann, ohne auf religöse Feste zu warten. [zurück]

Kein „Babycaust“

Christlich-fundamentalistische Abtreibungsgegnerinnen und Abtreibungsgegner agieren in Deutschland meist friedlich. Ihre Terminologie unterscheidet sich aber wenig von ihren militanten Mitkämpfenden in anderen Ländern. So wird der Holocaust gerne relativiert, in dem Abtreibungen als „Babycaust“ verteufelt werden und Ärztinnen und Ärzten bei Abtreibungen Mord vorgeworfen wird.1 (Ziel ist es dabei angeblich – nur einmal zu den Relationen – die Seelen der Kinder und Mütter zu retten.)
Nun hat sich ein Arzt gegen diese Bezeichnung gewehrt und vom Bundesverfassungsgericht recht bekommen. Juristisch gilt „Babycaust“ jetzt als Beleidigung. Politisch war das schon vorher unbedingt zu bekämpfen.2
Bundesverfassungsgericht wertet „Babycaust“ als Beleidigung [Deutsches Ärtzeblatt, 22.06.2006]
Drastische Abtreibungs-Kritik kann verboten werden [ngo-online.de, 22.06.2006]
Kein Vergleich mit Holocaust: Abtreibungsärzte gestärkt [n-tv, 22.06.2006]

  1. Beispielsweise auf der gleichnamigen Homepage [hier]. [zurück]
  2. Bisher ist zu diesem Urteil in den Publikation der Abtreibungsgegnerinnen / Abtreibungsgegner nichts verlautbart worden. [zurück]

Jesus’ junge Garde

Die ARD-Dokumentation „Jesus’ junge Garde – die christliche Rechte“ im tomorrow-Jugendcafé in Leipzig, tomorrow.de.ms , Braustraße 20, 10.02.2006, 19. Uhr.
Mit den Machern des Filmes gibt es im Netz ein Interview auf Radio Eins hier [Audiodatei, .ram-Format].
Das diese Reportage inhaltlich getroffen hat, kann man an den Reaktion vieler radikaler ChristInnen sehen. Eine Auswahl:

  • Riverofgod bloggt, das er/sie die ChristInnen falsch dargestellt findet
  • Auf Jesus.de ist Pascal Görtz differenzierter und weist auf den „schmalen Grad“ hin, auf dem sich die dargestellte Gruppe „The Call“ bewegen würde [dafür sind die Kommentare bezeichnennd]
  • Und thoralf findet, dass solche Filme eh nur gemacht werden, um zu diskreditieren („Verächtlichmachung“) und insoweit vor allem gegen Gott sind. Was dann jede Diskussion um den Inhalt ausschließt.