Archiv der Kategorie 'Neue Caritas'

Diese Dummheit kotzt uns an

In den letzten Tagen fand in Berlin eine Konferenz sogenannter Israelsolidarischer Gruppen aus dem christlich-fundamentalistischen Spektrum statt.1 Wir haben diese zwar besucht und beobachtet, aber entgegen unser langfristigen Planungen nicht groß gegen sie mobilisiert. Dabei wäre das wahrlich nötig gewesen. Die Israelsolidarität dieser Konferenz speist sich aus der antisemitischen Grundannahme, dass die Juden und Jüdinnen mehr seien als Mitglieder einer – verfolgten – Religionsgemeinschaft. Vielmehr seien sie der Schlüssel zur vollständigen Christianisierung der Welt. Gott hätte den Zeitenplan angehalten, als er „sein Volk“ über die Erde verbreitet, damit auch nicht-jüdische Menschen zum Christentum konvertieren könnten. Nun, so die Überzeugung dieser christlich-fundamentalistischen Strömung, sei diese Schonzeit vorbei. Israel sei durch Gott und niemand anders wieder gegründet worden, jetzt müssten alle Jüdinnen und Juden dort wieder einwandern, dann könnte sich „der Heilige Geist über sie ergiessen“, dass heißt sie würden christlich werden. Damit einhergehend gäbe es die letzten Schlachten zwischen Gott und Teufel, Gut und Böse und anschließend würde die Endzeit der Welt beginnen. Das heißt, Gott oder Jesus würden „1000 Jahre“ über die Welt herrschen, die dann vollständig christlich wäre. Anschließend gäbe es das „Jüngste Gericht“.
Dieses ernst gemeinte Denken führt dazu, dass Israel als Mittel zur Welterrettung unterstützt wird, allerdings unter der Maßgabe, alle Juden und Jüdinnen dorthin zu bringen und zu christianisieren. Hier treffen sich mehrere historische Linien des christlichen Antijudaismus und Antisemitismus, auch wenn sie sich gerade als Kampf gegen Antisemitismus verstehen.2
Wie gesagt, es hätte einiges zu tun gegeben für antifaschistische, religionskritische und auch einfache bürgerlich-demokratische Proteste und Kritik. Wir haben es aber unterlassen, uns länger damit zu beschäftigen. Und wir werden es ab jetzt als Projekt Neue Caritas auch vollständig unterlassen.

Schlusserklärung
Wir sind angetreten mit der Zielsetzung, eine Kritik des christlichen Fundamentalismus zu formulieren und eine kritische Praxis gegen diese Bewegung zu initiieren. Doch innerhalb kurzer Zeit haben wir zwei Erfahrungen gemacht, die uns nun dazu führen, dieses Ziel heute als gescheitert zu betrachten.
Erstens ist diese Bewegung größer und aktiver, als wir angenommen hatten. Vor allem ist sie, wenn man genau hinschaut, stärker in der Gesellschaft verankert, als zu erwarten wäre. Das hängt damit zusammen, dass die aktiven Personen im normalen Alltag gar nicht auffallen. Deshalb ist eine Praxis gegen diese Bewegungen schwieriger als wir uns erhofft hatten. Vor allem kann sie nicht nur von einer Gruppe initiiert und getragen werden, sondern muss Teil einer breiteren linken Politik sein. Wir sind uns noch nicht darüber im Klaren, ob wir diese Praxis eher der antifaschistischen, der feministischen oder einer anderen Teil-Szene zuordnen würden. Letztlich gäbe es aus jeder Richtung Ansätze zu einer politische Praxis.
Zumindest ist unsere Konsequenz aus dieser Einsicht, unsere Praxis gegen christlichen Fundamentalismus wieder aus anderen Gruppen der radikalen Linken heraus zu führen. Wir überlegen noch, ob beispielsweise ein Forum oder eine Mailingliste zum christlichen Fundamentalismus eine bessere Praxis über die einzelnen Teilszenen hinweg ermöglichen könnte.3
Der zweite Grund, warum wir aufhören wollen, uns vorrangig mit dem christlichen Fundamentalismus zu beschäftigen, ist die intellektuelle Dürftigkeit dieser Bewegung. Wir sind über die unglaubliche Dummheit der Argumentationslinien, Texte und Aktionen mehr und mehr nicht nur erschreckt, wir fühlen uns auch von ihr soweit abgestoßen, dass wir uns nicht weiter zwingen wollen, die Lektüre und Auseinandersetzung mit diesen fortzusetzen.4
Egal um welches Thema es geht, es gibt einfach nur drei Grundkonstanten, die immer wieder neu durchgearbeitet werden:

  1. Glauben, die Bibel richtig auszulegen, in dieser den Masterplan der göttlichen Eingebung zu finden und ganz besonders von der Realität Gottes, Jesus, der Engeln, des Teufels, der Hölle und des Himmels überzeugt zu sein. Das ist der irreale Kern des gesamten chistlichen Fundamentalismus.
  2. Größenwahn, die einzige richtige Meinung zu allen Problemen der Welt zu haben und immer auch gemeint zu werden, wenn über irgendetwas geredet wird. Also: egal, um welches Thema es geht und was gesagt wird, zu glauben, dass alle Welt nur danach schreit, die christlich-fundamentalistische Moral (wieder-)zufinden.
  3. Größenwahn, sich ständig als Opfer zu sehen. Jeder Witz über Religionen, Moral oder was auch immer, jede Äußerung dazu, das Religion nicht wichtig seien, jedes politische Vorgehen gegen reaktionäre Tendenzen in der Gesellschaft und jedes Engagement für irgendeine emanzipatorische Zielsetzung, solange sie nicht vereinnahmt werden kann, wird zum Kampf gegen den christlichen Fundamentalismus, mithin zum Stellvertreterkrieg zwischen Gott und Teufel erhoben.

Mit diesen drei Grundsätzen kommt der gesamte christliche Fundamentalismus aus. Ansonsten läuft die Argumentation immer gleich: Erst wird eine reaktionäre Position eingenommen, dann wird in der Bibel nach Stellen gesucht, die irgendwie dazu herhalten könnten, diese Position zu rechtfertigen. Das ist auch schon die gesamte theologische Praxis.5 Das ist unerträglich, schon weil es vor dem Lesen der jeweils neuesten Publikationen klar ist.

Konsequenzen
Wir werden mit unserer Kritik des christlichen Fundamentalismus nicht aufhören, wir werden sie nur auf einer anderen Ebene und mit anderen Mitteln fortführen. Wir sind immer noch der Meinung, dass sie notwendig ist und viel öfter vorgenommen werden sollte, als dies bisher passiert. Dafür stehen wir immer noch gerne als Einzelpersonen bereit. Allerdings denken wir nicht, dass diese Kritik wirklich theoretisch unterfüttert werden müsste. Das ist der Gegenstand der Kritik nicht wert. Er liefert ja auch keine intellektuelle Herausforderung.
Was allerdings immer noch vollkommen unbearbeitet ist, ist die Formulierung einer zeitgemäßen Religionskritik, die über Allgemeinheiten hinausgeht. Die fundamentalistische Bewegung ist dabei allerdings nicht relevant. Das aktuelle, vor allem das universitär gebildete, Christentum – egal welcher Abspaltung – hat mit dem Fundamentalismus nichts zu tun, außer dem grundlegenden Werk. Während es sich beiLletzterem um ein vollkommen erfahrungs- und realitätsresistentes Wahngebilde handelt, stellt sich ersteres einem grundlegenden Problem: den gefährlichen Blödsinn von Glauben an göttliche Instanzen mit der realen, modernen Welt in Einklang zu bringen.6
Nichtsdestotrotz bleibt es ein gefährlicher Blödsinn, welcher bestenfalls Privatsache zu sein hat, wie die Vorliebe für die eine oder andere Musikrichtung, die eine oder andere Farbe oder die Wahl des Wohnsitzes. Hier werden wir uns einarbeiten. (Diese Thema scheint auch nicht ganz so von struktureller Dummheit geprägt, wie der christliche Fundamentalismus.)

Deshalb stellen wir zumindest dieses Blog vorerst ein.

  1. „Kongress Gemeinde und Israel in der ‚Gemeinde auf dem Weg‘, Berlin“. Bevor jemand auf den Gedanken kommt: diese Gruppen haben mit den Diskussionen um Israelsolidarität und das Vorgehen gegen Antisemitismus, die innerhalb der (radikalen) Linken ausgetragen werden, nichts zu tun. Letztere Variante würde wir auch nicht mit „sogenannt“ titulieren. [zurück]
  2. Konsequenterweise wird Antisemitismus in diesen Kreisen nicht als politische Kategorie, sondern als Werkzeug des Teufels verstanden. [zurück]
  3. Wenn jemand anders sich dieses Problems annehmen will, hätten wir auch nichts dagegen. Noch sind wir für Diskussionen oder Vorschläge unter unserer Mailadresse zu erreichen. [zurück]
  4. Das soll nicht heißen, dass es nicht notwendig wäre. Nur können wir das in den nächsten Monaten nicht mehr. [zurück]
  5. Nun ist uns die Bibel relativ egal, wir können aber mehr und mehr nachvollziehen, warum Theologinnen und Theologen nur die Augen verdrehen, wenn christlich-fundamentalistische Argumentationen hören. In der universitären Theologie wird immerhin von der Bibel als historischem Dokument in seiner Gesamtheit ausgegangen, in dem die einzelnen Textstellen nicht als göttliche Offenbarung, die zufällig zu jedem Thema eine Antwort liefern, sondern als Teilstücke einer religiösen Praxis, die sich auf soziale und gesellschaftliche Gegebenheit bezogen und auch als Stücke theologischer Debatten zu verstehen sind. [zurück]
  6. Das läuft selbstverständlich schief. Sympthomatisch sind in diesem Zusammenhang die Einlassungen des aktuellen Papstes und seines Vorgängers, die beide ohne Frage gebildet sind, respektive waren. Aber das ist das Problem der Gläubigen, nicht der Religionskritik. [zurück]

Keine Veranstaltung am Donnerstag

Wer immer davon gehört hat, dass wir – die Neue Caritas – am Donnerstag, dem 15.06, eine Veranstaltung durchführen: Sie fällt leider erstmal aus. Grund: Abspracheschwierigkeiten. Es tut uns leid.