Archiv der Kategorie 'von christlichen Fundamentalisten/-innen'

Lebenschutz rennend

Von der Demonstration der „Lebenschützerinnen und Lebenschützer“ am letzten Samstag ist nicht viel zu berichten. Obwohl die Zahl der Gegendemonstratinnen und -demonstranten klein war, war es kein Erfolg für die veranstaltenden Organisationen. Zum einen kamen einfach wenige Menschen, um gegen diese Aktion zu protestieren, da an diesem Tag zahlreiche andere Aktivitäten anstanden. Dies wird beim nächsten Versuch gewiss anders sein. Und dies, obwohl schon die kleinen Gruppen die Manifestation erheblich einschränkten und deren religiösen und sexistischen Irrsinn offen als solchen benennen konnten.
Zum anderen ging die Demo selber im Trubel um den Berlinmarathon, welcher ebenfalls in Berlin-Mitte stattfand, vollkommen unter. Die Lebenschutz-Gruppen blieben unter sich und ließen in ihren Beiträgen auch keine neuen Argumente oder Strategien zur Durchsetzung ihrer Ziele erkennen. Zahlenmäßig waren sie etwas weniger, als 2004. Die von ihnen belegte Strecke war kurz und der gesamte Spuk nach zwei Stunden wieder vorbei. Wenn, dann hat diese Demo höchstens intern etwas genützt.
Ein längerer Bericht (in englisch) läßt sich auf yeahpope lesen.

Beten soll die Welt verändern

Wenn Gott allmächtigt ist und beten den Kontakt zu ihm herstellt, wie das unter anderem Christinnen und Christen glauben, dann ist es folgerichtig gemeinsames Beten als eine Handlung zu sehen, welche die Welt verändern könne. Das ist die relativ einfache Idee, welche hinter großen gemeinsamenen Gebeten fundamentalistischer Kräfte oder auch von organisierten Gebetswochen steht.1 So finden sich auch immer wieder Aussagen christlicher Gruppen, dass einzig ihre Gebete wichtige Veränderungen – beispielsweise die „Wende“ – bedingt hätten. Die gesamte gesellschaftliche Entwicklung wird in einer solchen Sichtweise ausgeschaltet, jede soziale Auseinandersetzung als unnötig diskreditiert. Eine solche Meinung vertritt laut idea auch D.J. McGuire, Präsident des christlich-fundamentalistischen China Support Network. Seine ernsthaft vertrettene Meinung ist, dass allein das Anwachsen christlicher Gemeinschafen in China – und deren Gebete – zu einem Untergang des dortigen Regimes führen werden.
Das wird – polemisch formuliert – die dortige Opposition gewiss freuen, kann sie doch jetzt einfach mit ihren Aktivitäten aufhören und, der Logik McGuires folgend, sich soweit als möglich anpassen. Und halt im Geheimen beten.

  1. Das kann selbstverständlich auch anders interpretiert werden. Basisgemeinden, die jahrzehntelang Basis sozialer Kämpfe in Lateinamerika darstellten, verstanden gemeinsames Beten vor allem als eine Aktivität sich unter einander Mut zuzusprechen. [zurück]

Der Teufel schläft nicht

Ein für Außenstehende immer wieder verwunderlicher Grundzug des christlichen Fundamentalismus ist der unbedingte Glaube an die Existenz nicht nur Gottes, sondern auch des Teufels. Doch viele christlichen Fundamentalistinnen und Fundamentalisten sehen sich ernsthaft inmitten einer akuten Auseinandersetzung zwischen diesen beiden Mächten. Deshalb identifizieren sie auch beständig das Böse in der Welt. Besonders nervös macht sie die „Beschwörung“ des Bösen mittels „okkulter Rituale“. Die Idee dahinter ist, dass solche Rituale dem Bösen einen Weg in die Welt ermöglichen und helfen von den Seelen der Menschen Besitz zu ergreifen. Dieser Argumentation klingt zwar wie aus schlechten Komödien abgeschrieben, dennoch wird er tatsächlich vertreten.
Während sich nun, Ende April im Harz die Tourismusverbände auf die Walpurgisnacht vorbereiten, in welchen sie Volksfeste veranstalten wollen, beschwert sich ein baptistischer Pastor darüber über dieses Feiern.

„Mit dem Teufel ist nicht zu spaßen“, sagte [Roland Friedrichsen] gegenüber idea. […] Pastor Friedrichsen ist besorgt darüber, daß der okkulte Charakter von Walpurgis bei den volksfestartigen Angeboten immer mehr in Vergessenheit gerate.

Offensichtlich ist der Gedanke, dass die Säkularisierung nicht nur dazu geführt hat nicht mehr an Gott, sondern auch an den Teufel nicht mehr zu glauben ihm nicht geheuer. Wie er deuten einige Christinnen und Christen1 gerade solche Feste als Zeichen des bevorstehenden Untergangs, da – so komisch das klingen mag – die angebliche Macht des Teufel immer mehr „vergessen“ wird.

  1. Die Partei Bibeltreuer Christen fordert zum Beispiel in ihrem Grundsatzprogramm deshalb „ein Verbot von Astrologie, Wahrsagerei und Horoskopen an allen öffentlichen Schulen und Bildungseinrichtungen und eine gezielte, gründliche und praktische Aufklärung über die grausamen Spätfolgen solcher antigöttlichen Praktiken.“ [zurück]

Popetown

Popetown ist eine Zeichentrickserie, welche sich über den Vatikan und den christlichen Glauben, vorrangig in der katholischen Variante, lustig macht. So etwas ist einige hundert Jahre nach der Aufklärung an sich auch angebracht (und notwendig). In anderen Staaten hat diese Serie allerdings schon heftige Auseinandersetzungen ausgelöst. Anstatt zu über sich selber zu lachen fühlten sich verschieden christliche Gruppen, vor allem aus dem fundamentalistischen Spektrum, in ihrem Glauben angegriffen.
Nun hat MTV angekündigt Popetown ab dem 3.Mai auch in Deutschland auszustrahlen. Die Zeitung VERS 1, welche aus dem christlich-fundamentalistischen Spektrum stammt, hat nun die Kampagne „Stoppt Popetown“ initiiert. Sie beziehen sich dabei auf die „Proteste“ von radikalen Muslima und Muslimen gegen die echten und angeblichen Karikaturen Mohammeds, die vor einigen Monaten stattfanden. Zwar ist diese Kampagne bisher wenig erfolgreich, dafür äußern sich Prominente, welche dem radikalen Christentum nahe stehen, wie die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen Erika Steinbach, und der Deutsche Presserat sich in ähnlicher Weise.
Und das in einem säkularen Land, indem Religionsfreiheit herrscht und die Kritik an den Praktiken der katholischen Kirche zu einer Reformation und Neugründung des Christentums im Protestantismus geführt hat.
Dabei schrecken die Schreibenden von Protestbriefen, welche auf der Kampagnenseite von VERS 1 veröffentlicht werden auch nicht davor zurück, sich als die von aller Welt verfolgten darzustellen und eine satirische Darstellung des Christentums als gefährlich zu bezeichnen. Außerdem wird dem Sender – wieder einmal – vorgeworfen, die Kultur nur wegen des Geldes zu zerstören.

[…] Weil ich mich zum Christentum bekenne, wehre ich mich gegen Darstellungen von Glaubensinhalten und Vertretern der Kirche, die nichts mit berechtigter Kritik zu tun haben sondern diese unnötig der Lächerlichkeit preisgeben. Darstellungen dieser Art, die Sie als Kunst beschreiben, verletzen mich persönlich. Ausserdem sind sie dazu geeignet, bei Kindern und vielen Menschen bleibende Eindrücke zu hinterlassen, die einen nur von Ihnen gewünschten Zusammenhang darsellen, der aber nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Diese prägen insbesondere deswegen, weil Kinder oft nicht in der Lage sind, Inhalte von Zeichentrikfilmen kritisch zu hinterfragen.
[…]
Ihrem Sender scheint für die Einschaltquote jedes Mittel recht, und wenn es nur eine Möglichkeit ist, mit Negativwerbung in die Schlagzeilen zu kommen. Vielleicht sollten Sie in Ihren Redaktionen noch einmal den Bergriff „Kultur“ neu thematisieren. Ich gehe davon aus, dass auch Sie lernfähig sind. […]

[…] Betrachte ich die Konsumentengruppe Ihres Senders, m.E. ist ein hoher Prozentteil der Zuschauer im Alter der Persönlichkeitsreifung zwischen 12-19 Jahren, so erscheint mir diese Zeichentrickserie die Meinungsbildung dieser Gruppe negativ zu beeinflussen.
Leben wir denn in einer Zeit des dauernden Tabubruches, ist Kommerz denn wirklich alles? Sicherlich im Simme des Senders schon. Ich finde es bedauerlich, sehr bedauerlich, dass nun anvisiert wird, den Nachfolger des Heiligen Petrus in aufgesetzt satirischer Form, zum Spott heranzuziehen. In meinen Augen werden Grenzen überschritten. […]

Der prominent an die erste Stelle gesetzte Brief betreibt zusätzlich einen Relativierung des Nationalsozialismus, indem er Popetown mit dem „Stürmer“ gleichsetzt.

[…] ich protestiere gegen die beabsichtigte Ausstrahlung von „Popetown“. Im Stile des „Stürmers“ werden kirchenfeindliche Karikaturen unters jugendliche Volk gebracht, damit sie als Sender eine Autorität wie die katholische Kirche und ihr Wertesystem ins Lächerliche ziehen. Wer bleibt eigentlich als Autorität bei den Jugendlichen übrig, wenn MTV alles Mögliche der Lächerlichkeit preis gibt? MTV natürlich!
Das System, die Herzen der Jugend zu gewinnen, indem man vor allem andere gefährliche (?), zumindest konkurrierende Autoritäten karikiert, ist bekannt aus anderen Zeiten. Toleranz lernen Ihre Zuschauer jedenfalls nicht – sollen sie auch wohl nicht.
Dass Sie es niemals wagen würden, dasselbe Format über den Islam auszustrahlen, ist sicher.
Ich protestiere als gläubige Katholikin scharf gegen die Ausstrahlung der Sendung!!!
Es ist unglaublich, dass Sie die christliche Religion auf diese Art und Weise diffamieren. Wenn Sie nicht gläubig sein sollten – was anzunehmen ist – dann respektieren Sie den Glauben, der die Grundlage des christlichen Abendlandes ist!
Ich dachte, nach der Auseinandersetzung des Islam durch die Karrikaturen, hätten die Medien gelernt.
Gilt der christliche Glaube im Abendland überhaupt nicht mehr?? Auch Sie als Sender haben eine Auftrag. Und er ist bestimmt nicht, meinen Glauben mit Füßen zu treten und lächerlich zu machen. Sie müssen sehr arm im Herzen und im Kopf sein!

In den letzten Tagen fanden sich immer wieder neue Meldungen von solchen Protesten. Und jede scheint ein Argument mehr dafür zu sein, dass Popetown notwendig ist.

Diese Jugend

Nachdem in den letzten Wochen schon einige fundamentalistische Medien in Deutschland auf die Kampagne BattleCry aufmerksam gemacht haben, publiziert telepolis dazu einen Artikel von Florian Rötzer.
BattleCry versteht sich als Bewegung, welche die Jugend vor dem kulturellen Zerfall und dem schlechten Einfluss der Medien schützen will. Als Lösung der vorgeblichen Probleme mit Fernsehn, Internet, Drogen und den Attacken gegen Gott wird die christliche Gemeinschaft gepriessen. Aktuell gestaltet sich BattleCry als eine Anzahl von Großveranstaltungen und Missionsfahrten. Dabei ist das Programm und die Ästhetik auf Jugendliche zugeschnitten. Beim ersten Event in San Francisco sollen sich 25.000 Jugendliche zu einer Veranstaltung dieser Kampagne getroffen haben, geplant sind eine Reihe weiterer. Daneben werden so genannte BattlePlans propagiert, welche den persönlichen Erfolg im Kampf gegen die schlechten Einflüsse der Gesellschaft verzeichnen sollen.
Nach Europa zielt diese Bewegung bisher noch nicht. Aber sie wird in der hiesigen Szene des radikalen Christentums wahrgenommen.